Frank-Peter Schultz zur Mahnwache am 11.02.2012

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Hier an der schwarzen Madonna lade ich Sie zum Mitgefühl heute ein. Für die vielen Einzelschicksale unter dem unbeschreiblichen Grauen der Reaktorenunfälle Fukuschimas. Wir erinnern uns an das Geschehen vor einem Jahr.

Aber wie steht es um die Erinnerung der überlebenden Opfer? Ich kann nur eine Annäherung versuchen. Mit dem, was wir kennen.

Wir wissen, dass Erinnern für den einzelnen Menschen eine besondere Qualität hat, es liegt auf der Hand. Schon das Kleinkind lernen wir, sich an bestimmte Personen, Vorgänge und Räumlichkeiten zu erinnern.

Nur im Vertrauten fühlen wir uns wohl, in fremder Umgebung und mit fremden Menschen wird unsicher und bekommen Angst.

Erinnerung an Personen, Situationen, Erfahrungen und an kognitive Inhalte bestimmen unser gesamtes  Leben lang.

Die Gedächtnisforschung hat die Bedeutung der Erinnerung für das Menschsein unter anderem auf die Formel gebracht: „Wir sind Erinnerung“.

Für uns alle gilt: Erinnerung ist ein wesentlicher Teil unserer Identität. Wir sind die, die wir sind, weil wir uns an unsere Kindheit, an Jugenderfahrungen, an biographische Begegnungen in ganz bestimmter Weise erinnern. Identität formt sich aus unserer Lebensgeschichte, also den Geschichten unseres Lebens, die wir erinnern, während wir andere verdrängen oder vergessen.

Selbst wenn Menschen ähnliche Kindheits oder Jugenderlebnisse erinnern, immer werden sie in bestimmter Weise wahrgenommen, gefiltert und somit ‘tendenziell’ wiedergegeben. Identität bildet sich aus Lebenserfahrung. Und hier gibt es zu den noch lebenden Opfern in Fukushima einen massiven Unterschied in der  Intensität der Erfahrung.

Fallen bei uns einige Erlebnisse aus unserer Biographie unter den Tisch, werden verdrängt – bewusst oder unbewusst. Wie dann bei den Leuten von Fukushima? Oft sind es unangenehme bis hin zu traumatischen Situationen.

Oder Situationen, die nicht so recht in unser Selbstkonzept passen und die wir deshalb lieber ausklammern, verfälscht weitererzählen, verdrängen, vergessen. Diese Form der Erinnerungsverweigerung ist durchaus menschlich, kann aber auch gefährliche Folgen für das Individuum haben: Unverarbeitetes macht krank, Verdrängtes kommt in bestimmten Momenten wieder ans Tageslicht und kann Schaden anrichten – für den Einzelnen und für seine Beziehungen. In Anbetracht der Wucht des Grauens macht das was mit dem Gedächtnis?

 

Nun sich mal im konkreten historischen Leidenssituationen zuzuwenden stellt sich die Gottesfrage selbst. Gott selbst steht zur Debatte, nicht in seiner Existenz, sondern in dem Bild, das wir uns von ihm machen.

An dem konkreten Gesicht der Opfer, der geschundenen Männer in den Kraftwerk, Frauen und Kinder, die weg müssen, halten nicht stand. Auch hier gilt: Die konkrete Erinnerung schmerzt, irritiert die Selbstgewissheit, verunsichert ein fertiges System an Glaubenssätzen und lässt Theologie eher als fragmentarische Suche nach Gottes Wirklichkeit in einer „Landschaft aus Schreien“ zurück. Der schleichende Tod in Nahrung, Böden und bis ins Kochenmark. Ist dieses doch eine Offenbarung des menschlischen Wahns alles ist machbar, gottgleich und das noch mit einer Technik, die keine Fehler erlaubt. Doch gerade darin kann sie die Erinnerung ihre Kraft und Demut beweisen.

—       Erinnerung in erster Linie das Gedächtnis der Opfer

—       der Geschichte die von Gott niemals vergessen werden wird

Lasst uns offen und bewusst mit der Vergangenheit auseinandersetzen und die Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft ziehen!

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