„Tschernobyl heute“ von Wolfgang Kopf zur Mahnwache 11.02.2012

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Mein erster Impuls ist ein Dank an Sie und Euch in dieser Runde. Seit dem Supergau von Fukushima im März 2011 habt Ihr Woche für Woche den Protest gegen den Wahnsinn der Atomenergie hier in der Stadt Nienburg und in Stolzenau hochgehalten. In der letzten Woche wurde der Protest durch das Anti-Atom-Bündnis verstetigt. Ich rufe Euch zu: bitte, macht weiter so – engagiert, fachkundig, unbeirrbar.

Ich sage dieses Dankeschön als einer, der seit 20 Jahren in der Tschernobyl-Bewegung aktiv ist. Hier in Stadt und Landkreis gab und gibt es Gasteltern-Initiativen für Tschernobyl-Kinder, das jährliche Gedenken an der vom Witebsker Künstler Iwan Kasak gestalteten,

im Westen einzigartigen Madonna von Tschernobyl und am Apfelbaum am Meerbach, ferner die Tschernobyl-Initiative für Strahlenschutz im Dorf Djatlawitsch in Belarus, für die ich zusammen mit der Grundschule Schünebusch Estorf seit 1998 tätig bin. Am 15.März werden wir wie alljährlich wieder öffentlich über die Verstrahlungssituation dort berichten.

Ich habe meinen Dank auch deswegen gesagt, weil wir in der Tschernobyl-Bewegung im Frühjahr 2011 bei den Vorbereitungen zum 25.Jahrestag von Tschernobyl feststellen mußten, dass wir müde geworden waren. Trotz der Ablehnung der AKW durch 65% der Bevölkerung kündigte die CDU/FDP-Regierung den Ausstiegskonsens auf, gab es weltweit eine Rückkehr zur Atomkraft, baut ein  Lukaschenko im verstrahlten Belarus ein AKW. Die Botschaft der Kinder von Tschernobyl schien kein Gehör mehr zu finden. Hiroshima und Nagasaki 1945 – Harrisburg 1979 – Tschernobyl 1986 – alles Schnee von gestern?

 

Was ist nun heute, fast 26 Jahre danach, zu Tschernobyl zu sagen?

Da ist am 26.April 1986 von der Explosion des Blocks 4  der brüchige Sarkophag geblieben – eine tickende Zeitbombe.  Gemäß dem im April 2011 von einer internationalen Geberkonferenz teilfinanzierten „Shelter-Plan“ soll bis 2015 ein neuer, 100 Jahre haltbarer Sarkophag 200 m vom Reaktor aufgebaut und dann auf Schienen über den alten Sarkophag geschoben werden: 257 m lang, 150m breit, 108 m hoch.

Dann ist da die erschreckende Opferbilanz. Nach Schätzungen der Liga für Tschernobyl-Opfer starben bis zum Jahr 1996 etwa 15.000 Menschen an den Folgen des Supergaus. Von den etwa 1 Million „Liquidatoren“ und den etwa 3,5 Millionen Menschen in den am stärksten verseuchten Regionen der Ukraine, Weißrußlands und Rußlands sind hunderttausende erkrankt, insbesondere Kinder. Die „Strahlenkrankheit“ beginnt mit Übelkeit, Kopfschmerzen, Nasenbluten. Sie kann nach und nach alle inneren Organe mit Krebs überziehen und zu schweren Mißbildungen bei der Geburt führen. Die das Immunsystem angreifenden und nach und nach zerstörenden Radionukleide, insbesondere Caesium 137 und Strontium 90, werden vom Boden aus noch Jahrzehnte lang die Nahrungskette planzlicher und tierischer Prudukte vergiften.  Darunter leidet die 10-Millionen Einwohner zählende Republik Belarus besonders  – über ihr gingen 70% des Tschernobyl-Giftes zu Boden. Rund ¼ des Territoriums ist verseucht, etwa 3500 Ortschaften mit rund 2 Millionen Menschen – darunter 500.000 Kinder- sind betroffen. Auch in relativ unbelasteten Belarus-Regionen -wie in Nienburgs Partnerstadt Witebsk- ist über die Nahrungskette bei 20% der Kinder die Krankheitsschwelle von 20 Bc/kg bereits erreicht. Tschernobyl bedroht das Überleben eines ganzen Volkes!

 Was ist zu tun? Nach Hiroshima, Nagasaki, nach Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima gilt, wenn die Menschheit überleben will, eine dreifache Lehre: neben die Solidarität mit den Opfern und den Einsatz regenerativer Energien muß die Ächtung aller Atomwaffen und Atomkraftwerke treten! Eine Technik, die durch technisches oder menschliches Versagen unzählige Menschen in Tod, Krankheit und Verzeiflung treibt, ist ein Irrweg – zynisch und durch nichts zu verantworten.

Bitte engagiert Euch unbeirrt weiter im Anti-Atom-Bündnis- wenn nötig noch einmal 20 Jahre – bis die Menschheit ohne atomaren Alptraum leben kann.

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